Der lange Kampf um Michel
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 Wie ein alleinerziehender Vater um das Zusammenleben mit seinem Sohn ringen mu├čte

Flensburger Tageblatt
FAMILIEN
J 0 U R N A L

Sonnabend, 6. Februar 1999

Wenn Immo Veress und sein Sohn Michel miteinan der toben, schmusen oder gemeinsame Schienen f├╝r die Lego Eisenbahn neu verlegen' entsteht das ├╝bliche liebevolle Bild von Unbeschwertheit und Vertrautheit.
Dabei gibt es in diesem Fall nur wenig Anla├č f├╝r Unbeschwertheit' nachdem Michels Mutter nur neun Monate nach seiner Geburt an Lungenkrebs gestorben war. Der 32j├Ąhrige Immo Veress, der seinerzeit in Bayern wohnte und heute in Flensburg lebt, hat fast die gesamten f├╝nf Lebensjahre seines Sohnes um ihn k├Ąmpfen m├╝ssen. Um das Recht, ihn alleine erziehen zu d├╝rfen. Um die Anerkennung der Beh├Ârden, da├č er sein Leben so eingerichtet hat, da├č es Michel bei ihm gut hat, und da├č Veress die finanziellen Voraussetzungen schaffen kann, die ein gemeinsames Leben m├Âglich machen.

Oft genug bedeutete das Kampf gegen die Beh├Ârden: Gegen ein Jugendamt, das Michel lieber in einer Pflegefamilie unterbringen wollte und gegen Beamte' die offensichtlich eher im Sinne einer Adoption Michels arbeiteten als im Sinne des leiblichen Vaters. Die Probleme nach dem Tod von Michels Mutter lassen sich kaum schildern. Sicher ist: Da├č Immo Veress mit ihr nicht verheiratet war, hat vieles schwieriger gemacht. Obwohl der 32j├Ąhrige die Vaterschaft sofort anerkannt hatte. "Dennoch hatte ich kaum Rechte", hat der junge Vater schnell erfahren. Immo Veress hat gehandelt.

Der gelernte Flugzeugmechaniker  damals bei der Lufthansa in M├╝nchen t├Ątig hatte Gl├╝ck mit seinem damaligen Vorgesetzten. Er konnte aus seinem Job noch zu Lebzeiten von Michels Mutter eine Teilzeitstelle machen um sich mehr um sie und den Sohn k├╝mmern zu k├Ânnen. Nach dem Tod von Michels Mutter.k├╝mmerte sich eine Pflegefamilie um den Kleinen. ÔÇťDann habe ich gemerkt", sagt Immo Veress, "da├č die Pflegeeltern heimlich und mit Unterst├╝tzung des Jugendamtes die Adoption meines Sohnes betrieben." F├╝r den jungen Vater hie├č das "Alarmstufe rot".

Er bem├╝hte sich beim zust├Ąndigen Amtsgericht um die sogenannte "Ehelicherkl├Ąrung" f├╝r Michel. "Ein VabanqueSpiel", wei├č Veress, weil er sich den individuellen Einsch├Ątzungen von Beh├Ârden und Richtern in einer Gesellschaft ausliefern mu├čte, f├╝r die Kinder im allgemeinen Frauensache sind. Chance auf einen f├╝r ihn erfreulichen Ausgang maximal fiftyfifty. Ein Dreivierteljahr dauerte die Entscheidungsfindung nach Veress' Erfahrungen eine vergleichsweise kurze Zeit. "Ich war mit meinen Kr├Ąften eigentlich am Ende, und doch hat es mich auch stark gemacht", beschreibt Immo Veress seinen damaligen Gem├╝tszustand. Er schiebt aber nach: "Daran habe ich heute noch zu knacken. . ."

Es hat sich gelohnt, er hat gewonnen. Michel wurde als sein ehelicher Sohn anerkannt. Was passiert w├Ąre, wenn Michels Oma (M├╝tterlicherseits) Michel h├Ątte haben wollen, mag Immo Veress gar nicht ├╝berlegen. Er ist sicher, da├č sie ein entsprechendes Verfahren gewonnen h├Ątte. Veress' Sorgen waren mit der Gerichtsentscheidung aber noch nicht erledigt, die Freude w├Ąhrte nur kurz. Sein Lebensmodell TeilzeitJob/Telzeitpflege drohte an Finanziellem und an weitergehenden Interessen der damaligen Pflegefamilie seines Sohnes zu scheitern. Immo Veress sucht eine neue Lebensperspektive in Flensburg, wo seine Familie lebt, von der er sich Unterst├╝tzung im Sinne eines sek...?

der Berufseinstieg als ├ťbersetzer nicht, der Gang zum Sozialamt wird unaufschiebbar. Geld aber gibt es nicht "ich war wohl zu ehrlich", sucht Veress nach Gr├╝nden. In der Beh├Ârde hat er seinen komplizierten Lebensweg mit Michel erkl├Ąrt hat auch berichtet, da├č Michel von seiner verstorbenen Mutter eine kleine Wohnung in Bayern, und etwas Geld geerbt hat. "Daran ist die Sozialhilfe wohl gescheitert, obwohl ich rechtlich verpflichtet wurde, Michels Verm├Âgen nur treuh├Ąnderisch f├╝r ihn zu verwalten und auf keinen Fall anzufassen", ist Immo Veress heute noch sprachlos ├╝ber die Entscheidung. Er m├Âge doch seinen Sohn auf Unterhaltszahlung verklagen, habe man ihm geraten.

"Ein Wahnsinn", sagt Veress, der nach einem Umzug sp├Ąter anstandslos Sozialhilfe in Nieb├╝ll bezieht. Irgendwann hat er die Klage gegen Michel dann doch gestartet. Dabei sei ihm allerdings die Proze├čkostenbeihilfe verwehrt worden. Begr├╝ndung: Keine Aussicht auf Erfolg. Der f├╝nfj├Ąhrige Michel bekommt die Schilderung seines Vaters mit. ÔÇ×Du hast mich verklagt?!" wundert er sich. "Ja, ja du hast aber gewonnen", erkl├Ąrt der Vater der jetzt in Flensburg von Arbeitslosenhilfe lebt und derzeit eine Weiterbildungsma├čnahme besucht.

Trotz aller Irrungen und Wirren seines Lebens hat Immo Veress irgendwann die Zeit gefunden, den Verein "V├Ąteraufbruch f├╝r Kinder" (Tel.: 04,61/18 06 95) zu gr├╝nden. Um zu verhindern, da├č Kinder nach Trennungen den Kontakt zu ihrem Vater v├Âllig verlieren und "zu Halbwaisen werden' weil V├Ąter aus mysteri├Âsen Gr├╝nden den Kindkontakt verlieren". Er k├Ąmpft mit Mitstreitern in ganz Deutschland f├╝r das Recht der Kinder auf beide Eltern. "Erfahrungen habe ich ja genug", sagt der 32j├Ąhrige.. Beh├Ârdeng├Ąnge, Rechtsstreitigkeiten, finanzielle Sorgen Immo Veress hatte in den letzten Jahren wenig Zeit zum Luftholen und nur selten die Mu├če, seinen Traum von "einer ganz normalen Familie" zu tr├Ąumen.

Und ├╝ber allem immer die bangen Fragen: Werde ich meinem Kind gerecht? Bekommt Michel genug Liebe? Kann ich ihm die Mutter gut ersetzen? Bin ich trotz aller Sorgen ihm gegen├╝ber gerecht, fr├Âhlich und liebevoll. genug?- ÔÇ×Ein latenter Schuldkomplex ist immer da manchmal l├Ąhmend, manchmal auch Antrieb" sagt der alleinerziehende Vater, der sein Leben als "gro├če HerausforderungÔÇť begreift. "Die Energie, die ich verpulvern mu├čte, h├Ątte ich gerne f├╝r meinen Sohn gehabt." ├╝berlegt er dann laut. Und als h├Ątte der kleine Michel alles ganz genau verstanden, k├╝├čt er seinen Vater liebevoll auf die Stirn.

THOMAS SCHUNCK

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